Vorbemerkung: An der Untersuchung des Autors hat den Rezensenten vor allem der gegenwärtige Missbrauch des Antisemitismus-Begriffs gegen politisch links Stehende interessiert, deren Haltung zu den Verbrechen in den besetzten Gebieten und Gaza nicht mit der Position der Bundesregierung übereinstimmt. Damit ist nicht gesagt, dass es unter politisch links verorteten Menschen keinen Antisemitismus geben kann. Die gesellschaftlichen Prägungen sind durch die bewusste politische Einordnung nicht aufgehoben, dies sollte man sich vor Augen führen. Aber wo sonst, wenn nicht auf der Linken, besteht die Möglichkeit, sich selbst, mit dem eigenen politischen Rüstzeug versehen, rational zu hinterfragen?
Unser Autor und Diskussionspartner Georg Auernheimer hat im Sommer 2025 seine Untersuchung zum Thema Antisemitismus veröffentlicht. Der Verlag PapyRossa bietet u.a. Autorinnen und Autoren Raum und Gelegenheit, in einer überschaubaren Länge einen zeitpolitisch relevanten Begriff aus linker, aus marxistischer Perspektive zu erläutern und einzuordnen. Dies kann manche Diskussion bereichern und manches Wissen ergänzen. So scheint auch diese Schrift ursprünglich angelegt worden zu sein.
Die Binnengliederung des Textes führt von der Definitionsproblematik über die zahlreichen Erklärungsmuster für den Antisemitismus zum historischen Ansatz, der vor allem für Europa und deshalb für Deutschland entscheidend ist. Mit diesen Extrakten der Antisemitismusforschung vertraut gemacht, nähert sich der Autor dem Zentralthema des Buches, der diesbezüglichen Politik der Bundesrepublik. Dabei spielt, ob man will oder nicht, der Holocaust die bestimmende Rolle. Also, eine durchaus wissenschaftlich zu verstehende Herangehensweise, die aus Platzgründen darauf ausgerichtet ist, knappe und präzise Ergebnisse in den Mittelpunkt zu stellen, weniger deren Entwicklung zu beleuchten; das bedeutet, dass die Leserschaft gut beraten ist, Vorwissen mitzubringen, um größere Erkenntnisgewinne daraus zu ziehen.
Ein grundlegendes Konfliktfeld der Antisemitismusforschung liegt in der Definition des Begriffes und im Besonderen darin, welche Folgen für das Handeln des Staates sich daran knüpfen.
Auernheimer arbeitet mit der „Arbeitsdefinition“ der Internationalen Allianz zum Holocaust-Gedenken (engl. IHRA, S.12f.), der die Definition der Jerusalemer Erklärung (S.15) gegenübergestellt wird. In der Wirkmächtigkeit unterscheiden sich beide Ansätze genauso wie in ihrem Bedeutungsgehalt. Die Jerusalemer Erklärung wurde 2021 als Reaktion auf die Festlegung der IHRA von mehreren hundert (Privat-) Personen mit wissenschaftlichem Hintergrund beschlossen. Ihr Ansatz, Antisemitismus als „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische)“ zu verstehen, bezieht sich auf den Kern der Judenfeindschaft und weist den Bekenntnischarakter der IHRA-Definition zurück.
Hinter der Internationalen Allianz stehen 35 Mitgliedstaaten, die Delegierte mit politischem Auftrag entsenden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass von ihr Kritik am Staat Israel, der „als jüdisches Kollektiv verstanden wird“ (S.13), weitgehend antisemitisch gedeutet wird. Damit sind die Tore geöffnet, Kritik an der Politik des Staates als Antisemitismus zu werten. Und diese Wertung hat, gerade auch in Deutschland, schwerwiegende Konsequenzen für das Versammlungs- und Demonstrationsrecht, für die Freiheit von Lehre und Wissenschaft, sie fördert Verdrehungen und Verfälschungen jeglicher Art zu Gunsten einer rechtsradikalen Politik in Israel.
Das, was unbedingt nötig wäre, eine Diskussionshaltung zu fördern, die auf objektivierbare Erkenntnisse ausgerichtet ist und bestehenden Antisemitismus richtig, d.h. weder plakativ noch als politisches Totschlagargument, erkennen und kritisieren kann, wird verhindert. Stattdessen gilt diese äußerst fragwürdige Festlegung mit parlamentarischem Mehrheitsbeschluss als die „richtige“, an der das staatliche Handeln ausgerichtet wird. Basta.
Nebenbei bemerkt, sind damit zahlreiche politische Probleme, die unlösbar mit dem Vorgehen des Staates Israel und seinem Militär im Gazastreifen verknüpft sind, in der Welt und behindern ein mögliches Nebeneinanderexistieren der beiden Völker nicht nur auf regionaler, sondern auf globaler Ebene. Die scheinbare Eindeutigkeit erzeugt neue Verwerfungen.
Diese letzten Folgerungen stammen vom Rezensenten; Auernheimer geht etwas anders vor. Sein Ansatz besteht darin, den Antisemitismus, der in mehreren Tiefenschichten die europäische Ideologiegeschichte prägt, nach unterschiedlichen Gesichtspunkten auszuleuchten. Im dritten Kapitel nimmt er Erkenntnisse der Vorurteilforschung auf. Den weitgehend gesicherten Zusammenhang von antisemitischer Einstellung und dem Wunsch nach autoritären Staatsstrukturen, nach starken Führungspersonen stellt er ebenso dar, wie er den Kapitalismus als Nährboden sozialdarwinistischer Vorstellungen auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene thematisiert.
Das ist sicherlich bedenkenswert und kann der Leserschaft so manche Anregung vermitteln, die Tiefe des Problems besser zu erkennen. Schließlich war der Antisemitismus über viele Jahrhunderte prägend, was das christliche Fundament der europäischen Gesellschaftsformationen betrifft. Ohne Judenhass keine Überformung der europäischen Feudalgesellschaften, kein Wandel zur bürgerlichen Gesellschaft. Wenn man sich das hiesige Loblied auf die „uns“ prägende christlich-jüdische Kultur vor Augen führt, mit dem die Festreden zur „christlich-jüdischen Zusammenarbeit“ zugetextet werden, kann man sich ob dieser Geschichtsfälschung nur mit Schaudern abwenden. Diese behauptete verträgliche Vermischung gab es nicht, das Verhältnis war vor allem davon geprägt, dass jüdische Interessen und Vorstellungen abgelehnt, eher noch verfolgt, ausgeschlossen, vertrieben und schließlich vernichtet wurden.
Deshalb erläutert Auernheimer in einem weiteren Kapitel die historischen Zusammenhänge vom religiös-christlichen Antijudaismus bis zum rassistisch motivierten Antisemitismus. Dies ist für sich genommen wenig Neues, es sensibilisiert aber aufs Neue dafür, wie tief eingewurzelt, weil religiös-gesellschaftlich vermittelt, der Antisemitismus war. Da ist es nicht damit getan, ein paar Versöhnungswochen abzuhalten oder jüdische Relikte der Vergangenheit zu restaurieren, um dabei „aus der Geschichte zu lernen“.
Die Bundesrepublik und die Last des Holocaust
So betitelt der Autor das wichtigste, weil für die gegenwärtige Auseinandersetzung aktuelle Kapitel. Zu Recht stellt er die westdeutsche Israel-Politik in den unmittelbaren Zusammenhang mit der Westintegration. Sämtliche Vereinbarungen mit dem Staat Israel oder der Jewish Claims Conference, ergänzt mit dem Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, sind der „Wiederaufnahme in die ‚freie Welt‘“ (S.69) untergeordnet. Den Eintrittspreis nahm die Adenauer-Regierung gerne in Kauf, zumal die Zahlenden auch bestimmten, wer in den Genuss der Zahlungen kommt. Das galt für den Staat Israel und seine strategischen Überlegungen ebenso wie für die jüdische Community vor allem in Nordamerika, mit großen Abstrichen für Jüdinnen und Juden in Westdeutschland, die für ihre Entschädigungsansprüche auf die Begutachtung durch hiesige „Vertrauensärzte“ angewiesen waren und nicht selten abgewiesen wurden.
Andere Opfer der NS-Verfolgung, ob im Inland oder in den osteuropäischen Ländern ansässig, bezog die gesetzliche Regelung von 1956 nicht mit ein. Die Mehrheit aller Opfer ebenfalls zu „entschädigen“, lag nicht im Interesse der westdeutschen Regierung. Es war weder politisch opportun noch allein von ihrer schieren Größe her in diesem Nachkriegsdeutschland vermittelbar. Denn selbst die im Verhältnis zur rasch wachsenden Wirtschaftskraft stehenden geringen staatlichen Leistungen lösten genügend Misstrauen und Neid aus. Wahlen werden mit diesem Thema nicht gewonnen. Bezeichnend ist ein Satz Adenauers im Bundestag aus dem Jahr 1951:
“Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt.“ (S.70)
Sechs Jahre nach dem Untergang des Deutschen Reiches ausgesprochen, wirft er einen demaskierenden Blick auf die Nachkriegsgesellschaft. Jüdische Menschen in Deutschland, die man gerne anhand der Religionszugehörigkeit identifizierte, waren selbst für eine Minderheit zu wenige. Ein paar zehntausend Zugehörige umfassten die Gemeinden. Man wäre ausgestorben, hätte die Wenderegierung in den 1990er Jahren nicht die Kategorie der Kontingentflüchtlinge eingeführt, die die Einwanderung von Jüdinnen und Juden aus der zusammengebrochenen UdSSR nach dem vereinigten Deutschland ermöglichte. In den Gemeinden wurde jetzt russisch gesprochen, von Religion war weniger die Rede als von humanitären und sozialen Bedürfnissen.
Auernheimer weist mit vollem Recht auf die Gegensätzlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung hin (S.72): der Staat Israel, der sich in einer arabischen Umgebung machtvoll militärisch behauptet, der als Teil der westlichen Wertewelt gesehen wird einerseits, andererseits die eigene jüdische Minderheit, der man im Alltag zumindest reserviert, wenn nicht ablehnend gegenübertritt.
Die Durchsetzung öffentlicher Ämter und Aufgaben mit NS-belastetem Personal schwand im Laufe der Jahrzehnte ebenso wie die Zahl der früheren Nationalsozialisten und Landser in den deutschen Haushalten und eröffnete partiell eine erweiterte Sicht auf Verbrechen und Verantwortung. Allmählich, d.h. gebunden an die rasch geringer werdende Anzahl der Entschädigungsleistungs-BezieherInnen, wurden weitere Opfergruppen eingebunden. Der Staat und seine wechselnden Regierungen „bewältigte“ seine und seiner Bevölkerung Vergangenheit. Die VertreterInnen der jüdischen Gemeinden wurden bei jeder Gelegenheit hofiert, zumal die Anwesenheit jüdischer Menschen in Deutschland als Ausweis der demokratischen Reife im Lande gewertet wurde. Und Gelegenheiten wurden viele geschaffen, den „Dialog“ der Kulturen und Religionen zu führen. Gedenkwochen, Lesungen, Feiern und immer wieder Einweihungen jüdischer Gedenk-, Bet- und anderer Stätten, die der „Wiedergutmachung“ (früher) und „Aussöhnung“ (modern) galten.
Dass die jüdische Mini-Minderheit, zumindest ihre Führungskräfte, mit einer Aufmerksamkeit überschüttet wurde, die ihresgleichen sucht, hat wenig mit ihrer Positionierung in Deutschland zu tun. Die Leitungen geben sich konservativ-liberal, kritisieren ausschließlich in jüdischen Fragen und sind bei allgemeinen gesellschaftlichen Belangen nicht existent. Ihre Rolle als „Mahner“ ist staatlich sehr erwünscht.
Auernheimer ordnet der Zeit ab 1991, der Auflösung der Sowjetunion, bis zum Gaza-Krieg 2023 eine neue weltpolitische Prämisse zu: die Unipolarität, die nur mehr eine Weltmacht, die USA, kennt. Alle Entwicklungen in Israel und um Israel herum sind letztlich den US-Interessen untergeordnet. Ihre beständige politische, wirtschaftliche und nicht zuletzt militärische Präsenz, die von keiner neuen US-Regierung angetastet wird, belegt dies.
Das mangelnde Interesse in Deutschland an einer gründlichen Befassung mit der Nahostregion führt laut Auernheimer zu einer immer stärker verzerrten Wahrnehmung der tatsächlichen Ereignisse. So wurde das Osloer Abkommen, mit allen seinen Geburtsfehlern, als „Meilensteine im Nahost-Friedensprozess gefeiert.(…) Aber der Friedensprozess war und ist für die deutschen Leitmedien nichts Reales, sondern ein Ideal, ein geisterhaftes Subjekt …“ (S.83) Das Scheitern von Verhandlungen ging einher mit einer Verschärfung der Auseinandersetzung und einer wachsenden Unerbittlichkeit. Die Hamas übernahm die Führung in dieser Konfrontation auf palästinensischer Seite, die israelischen Regierungen rückten beständig nach rechts, religiöse Parteien und Siedler bestimmten die Richtung.
Mehrere Anschlagswellen und die militärischen Schläge der israelischen Armee kosteten neben den massiven Zerstörungen vor allem etwa 4.000 Menschenleben. Entscheidend bei der Beurteilung der Lage war in Deutschland nicht mehr die Wahrnehmung einer tödlichen, unumkehrbaren Zuspitzung, sondern das rückhaltlose Bekenntnis zum Staat Israel mit allen seinen Handlungen. Der Militärexport florierte, die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet durfte nicht mehr hinterfragt werden, ohne als antisemitisch zu gelten.
Auernheimer trägt aus den 2010er und beginnenden 2020er Jahren zahlreiche Beispiele zusammen für diese Entgrenzung der Kritikverweigerung Israel gegenüber. Veranstaltungen im öffentlichen Raum unter Mitwirkung mehr oder weniger exponierter KritikerInnen unterliegen zahlreichen Verboten oder werden bis zur Unkenntlichkeit zensiert.
Kanzlerin Merkel erklärte 2008 vor der Knesset Israels Sicherheit zur deutschen Staatsräson. Über diesen Akt wie über die Qualität dieser wabernden Begrifflichkeit lässt sich wahrlich streiten. Nicht streiten lässt sich darüber, dass dieser Begriff von politischer Seite benutzt wird, die Repression gegen die ins Kreuzfeuer geratenen Personen oder Gruppen zu steigern und Protest dagegen im Keim zu ersticken.
Die „Staatsräson“ ist in dieser Weise der Schlüsselbegriff geworden, der die Wucht des Antisemitismus-Vorwurfs erklären kann. Der Autor fasst dies so zusammen: “Antisemitismus, früher ein Kampfbegriff gegen die Diskriminierung und Entrechtung von Juden, einer schwachen, bedrängten Minderheit, ist zu einem Schild zur Abwehr von Kritik an Israels Politik geworden, eines hoch gerüsteten und über Atomwaffen verfügenden Staates, der ein Volk unterdrückt und entrechtet.“ (S.96f.)
Auernheimers Thema ist nicht der Krieg gegen Gaza und seine Bevölkerung, er hält seine Beurteilung sehr knapp. Eindringlicher ist sein Verweis auf die staatliche wie staatsnahe, die mediale und von einer Bevölkerungsmehrheit getragene Rezeption des Krieges in Deutschland. Damit weist man jeden antisemitischen Verdacht weit von sich, der gesellschaftlichen Ausschluss bedeuten kann. Gleichzeitig versperrt man sich aber jeden unvoreingenommenen Blick auf die palästinensische Seite.
Die Toten dieses Krieges, deren Zahl in den sechsstelligen Bereich rückt, mögen für die Durchschnittsdeutschen trotzdem unangenehm sein; das Recht, sich „zur Wehr zu setzen“, beginnt im Angesicht der horrenden zivilen Opferzahlen schal zu klingen. Der deutsche Staat hilft jedenfalls nach Kräften, diese bittere Wahrheit zu verdrängen und wegzusehen.
Fazit: Auernheimers Darstellung besticht dadurch, dass sie in gebotener Knappheit eine Reihe von Blickwinkeln auf das Thema bietet, die das eigene Wissen ergänzen und vertiefen. Der Autor hat seine wohlbegründete Meinung, er stellt sie aber nicht in den Vordergrund. Das Buch soll, anders als die hiesige Politik es tut, Fakten beibringen, keine Bekenntnisse. Weil es das erfüllt, ist es uneingeschränkt zu empfehlen.

Die Seitenzahlen der Zitate sind durchgehend dem Buch entnommen.