Antwort auf den Leserbrief von F/HU in der Arsti Nr. 230 zur Frage der Novemberrevolution
Der Ausgang der Novemberrevolution von 1918/19 stellt sowohl für die deutsche Geschichte als auch für die kommunistische Bewegung ein Schlüsselereignis dar, dessen Folgen bis in die Gegenwart hinein reichen. Insbesondere für Kommunisten wirft das Scheitern immer noch eine Reihe grundlegender Fragen auf.
F/HU von der „Arbeiterpolitik“ hat dazu anlässlich einer Rezension von Emil Berger einen Leserbrief in der jüngsten Ausgabe der „Arbeiterstimme“ (Nr. 230) geschrieben, in dem er sich neben der Frage nach dem Charakter des Kaiserreichs (bürgerlich oder vorbürgerlich) insbesondere mit der Kritik auseinandersetzt, die Heiner Karuscheit an dem Revolutionskonzept Rosa Luxemburgs und der damaligen revolutionären Linken geübt hat. Inhaltlich lässt er sich darauf nicht näher ein, sondern verweist auf die „Betonung der Subjektivität“ durch Luxemburg sowie die „Gluthitze der Revolution“, die durch „die Bücherweisheit eines heutigen Historikers“ nicht erfasst werden könne.
Möglicherweise ist ihm nicht bekannt, dass Luxemburg und die Spartakusgruppe nicht einfach unvorbereitet in die „Gluthitze der Revolution“ hineingestolpert sind, sondern klare Vorstellungen von der Politik hatten, die sie in der kurz darauf ausbrechenden Revolution verfolgten. Diese Vorstellungen sind in dem Revolutionsprogramm der Spartakus-Gruppe und der Bremer Linksradikalen enthalten, das Rosa Luxemburg im Oktober 1918 verfasste (abgedruckt als „Oktoberprogramm der Spartakusgruppe“ in: Revolutionäre deutsche Parteiprogramme, Dietz-Verlag Berlin 1967, S.101ff). Das Parteiprogramm, das die KPD wenige Wochen danach auf ihrem Gründungsparteitag verabschiedete, ist damit inhaltlich weitestgehend identisch; es blieb bis zur Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung 1930 gültig.
Im Zusammenhang mit der Errichtung einer Diktatur des Proletariats forderte das Programm für die Revolution nicht nur die Enteignung der Großindustrie und der Banken etc, sondern darüber hinaus die Enteignung aller landwirtschaftlichen Betriebe, ausgenommen bäuerliche Kleinbetriebe, um daraus staatliche Genossenschaften zu machen.
Dieses Revolutionskonzept trug ausgeprägt linksradikalen Charakter und hatte eine elementare Tragweite für den weiteren Verlauf der Ereignisse, denn die Forderung nach Enteignung der Agrarbetriebe musste die Masse der Bauernschaft und darüber hinaus des gesamten Kleinbürgertums, das heißt die Mehrheit der Bevölkerung, zu Gegnern der Spartakus-Revolutionäre machen. Im gleichen Atemzug musste es die Bauern mit den Großgrundbesitzern zusammenschweißen, um gemeinsam mit ihnen das Eigentum am Boden zu verteidigen. In den Freikorps manifestierte sich das Zusammengehen: aufgestellt von der OHL im Auftrag der SPD-Führung, sammelten sich in ihren Reihen großenteils Bauernsöhne.
Dazu kam, dass auch das Heer, das nach dem Waffenstillstand von den Kriegsfronten unter Waffen in die Heimat zurückströmte, vorwiegend aus Kleinbürgern und Bauern bestand, weil die Arbeiter wegen ihrer Maschinenkenntnisse in erster Linie in der Marine dienten bzw. für die Rüstungsproduktion vom Militärdienst zurückgestellt waren.
Das bedeutet: auf dem Boden des Oktoberprogramms der Spartakusgruppe hatten die Revolutionäre weder politisch noch militärisch eine Chance und (es) war die Revolution zum Scheitern verurteilt. Das Oktoberprogramm war ein Niederlagenprogramm.
Zu dieser Problematik verliert F/HU kein Wort. Statt den seinerzeit begangenen Fehlern auf den Grund zu gehen, zieht er es vor, Karuscheit „in seiner rückblickenden Weisheit“ zu verunglimpfen. Darüber hinaus erhebt er den Vorwurf, Karuscheit wäre für die „Transformation in eine bürgerliche Republik“ eingetreten und würde der damaligen Linken vorhalten, sie hätte „das Bürgertum verprellt und gegen sich aufgebracht“.
Wie kommt er zu dieser Behauptung? Tatsächlich vertritt der Autor dieser Zeilen etwas völlig Anderes. Seiner Auffassung nach stand damals die Errichtung einer demokratischen (nicht: bürgerlichen!) Republik auf der Tagesordnung, die durch das Proletariat im Bündnis mit dem Kleinbürgertum zu erkämpfen war – gegen Junkertum und Bourgeoisie. Das bedeutete die Enteignung der großen Industrie, der Banken etc. sowie die vollständige Auflösung der Armee und damit die Zerschlagung der Basis des preußisch-deutschen Bismarck-Staats. Das waren auch die zentralen Forderungen, die der allgemeine Rätekongress im Dezember 1918 aufstellte.
Indem das Proletariat in einem solchen Kampf, d.h. in einer demokratischen Volksrevolution, die Führung über das Kleinbürgertum übernahm (die Bauernschaft eingeschlossen), galt es, die Staatsmacht zu erobern und einen neuen, demokratischen Staat zu errichten, um von dieser Machtposition aus zu geeigneter Zeit zum Sozialismus weiterzugehen. Da diese Gedanken in den Publikationen des Autors problemlos nachzulesen sind, fragt sich, was F/HU dazu bewogen hat, die Position Karuscheits für die Leser der Arbeiterstimme zurecht zu biegen, bis daraus die Forderung nach einem Zusammengehen mit der Bourgeoisie zwecks Errichtung einer bürgerlichen Republik geworden ist? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...
Mit diesen Sätzen soll es sein Bewenden haben. Inwieweit die linken Revolutionäre mit einem anderen Revolutionskonzept in der Lage gewesen wären, das Proletariat zum Sieg zu führen, wissen wir nicht, denn wir können verlorene Schlachten nicht noch einmal schlagen. Was wir jedoch können, ist, unsere vergangenen Niederlagen zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen. „Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung“ – das schrieb Rosa Luxemburg.
Da sie aufgrund ihrer Ermordung durch die sozialdemokratisch-junkerliche Konterrevolution nicht in der Lage war, den Fehlschlag ihrer Politik persönlich zu analysieren, muss offenbleiben, welche Lehren sie selber daraus gezogen hätte. Das Scheitern der Revolution jedoch mit ihrer „Subjektivität“ in Verbindung zu bringen, wie F/HU schreibt, heißt nicht nur, einer großen Revolutionärin keine Ehre anzutun. Es heißt vor allem, die elementaren Fragen zu negieren, die die Novemberrevolution über Luxemburg hinaus aufwirft.
Heiner Karuscheit, Januar 2026