Replik auf den Leserbrief zur Rezension von Karuscheits Trilogie zur neueren deutschen Geschichte in Arbeiterstimme Nr. 230, Winter 2025
Der Autor des Leserbriefes hat recht. Ich schließe mich der Argumentation Karuscheits aus dem ersten Buch seiner Reihe an. Das geschieht aus dem einfachen Grund, dass ich noch keine überzeugendere Erklärung für den 1. Weltkrieg gefunden habe. Als Anhänger des wissenschaftlichen Sozialismus muss man in Kauf nehmen, dass alte Sichtweisen über den Haufen geworfen werden und neue an ihre Stelle treten. Das braucht einem nicht zu gefallen, gehört aber zum Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens.
Nun zu den Inhalten des Leserbriefs. Ich beschränke mich auf den Teil, der mit den Gründen für die Auslösung des Krieges zu tun hat. Über den Fortgang der Geschichte kann man sich nach den entsprechenden Rezensionen austauschen.
Auf den ersten Blick beschreibt der Autor die inneren Verhältnisse des Kaiserreichs so wie Karuscheit. Doch an zwei Punkten gibt es gravierende Differenzen. Der eine ist die Frage, welche Klasse die führende Rolle in der Gesellschaft einnahm. Im Leserbrief wird für so etwas wie eine Doppelspitze plädiert. Eine gemeinsame Leitung des Landes durch die Klasse der Junker und der Bourgeoisie. Nun ja, in diesem Fall müsste geregelt sein, wer die endgültige Entscheidung trifft, wenn man sich nicht einig wird.
Historiker verweisen gerne auf das Versprechen von Kaiser Wilhelm II, das er am 6. Juli 1914 dem Industriellen Gustav Krupp in Kiel gab. “Diesmal falle ich nicht um.” 1 Das bezog sich auf den Umstand, dass die Schwerindustrie schon in früheren Jahren den Krieg wollte und sich nicht durchsetzen konnte. Schließt man von dieser Episode auf die Machtverhältnisse zwischen Adel und Großbürgertum wirkt es wie das zwischen Eltern und ihren Kindern. Sie versprechen dem quengelnden Nachwuchs, später ein Eis zu kaufen. Das hat nichts mit einer souveränen Durchsetzung ihrer Interessen durch die Vertreter der Bourgeoisie zu tun.
Im spanischsprachigen Teil des Internets wurde vor einigen Monaten beschrieben, wie die US-Waffenindustrie die Aufnahme ehemaliger Warschauer Pakt Staaten in die NATO bewerkstelligt hat. Sie finanzierten die Wahlkämpfe von Abgeordneten beider Kammern. Sie schufen dann die gesetzlichen Grundlagen, um diese Länder in die NATO aufzunehmen. Gleichzeitig sorgten diese Parlamentarier dafür, dass den bitterarmen Neumitgliedern US-Kredite zur Verfügung gestellt werden. Mit diesem Geld wurden dann Waffen der US-Rüstungsindustrie gekauft. Der Autor des Textes bezeichnet das als legale Korruption.
Eine vergleichbare Beschreibung der Durchsetzung industrieller Interessen, ohne die Möglichkeit zum Veto von Seiten der Junker, würde ich mir von den Gegnern der Analyse Karuscheits wünschen. Wird diese Beweisführung geleistet, ist sein Ansatz hinfällig. Doch mein Streifzug durch die Welt der universitären Geschichtswissenschaft deutet darauf hin, dass man dort keine Grundlage dafür sieht.
Die zweite Differenz zwischen F/HU und Karuscheit betrifft die Frage, ob man der Arbeiterklasse in den Jahren vor dem 1. WK eine Revolte zutraut. Beide sind sich einig, dass die Zusammenarbeit zwischen Bürgertum und Adel in und nach der gescheiterten Revolution von 1848 auf der Furcht vor den sozialen Ansprüchen der Werktätigen basierte. Hier sagt Karuscheit, dass Bismarck mit seiner Sozialgesetzgebung die Arbeiter und ihre Organisationen erfolgreich in den Staat integriert hat. Damit ist die Gefahr einer Revolution entfallen. Die Bourgeoisie hat dadurch die Organisationen der Arbeiterklasse als mögliche Bündnispartner erhalten. Das leistete dem Machtverlust der Junker Vorschub. Für sie war daher der Krieg die einzige Rettung vor ihrem Untergang als Klasse.
Dagegen unterstellt F/HU der damaligen Arbeiterklasse und ihren Organisationen den Willen und die Bereitschaft zu ernsthaftem Widerstand gegen die Herrschenden. In diesem Fall hätte die Basis des Klassenkompromisses bis 1914 fortbestanden. Doch wo war diese Bereitschaft zum Aufstand, als es zum Schwur kam? Wenige Tage vor Kriegsbeginn organisierte die SPD noch Friedensmanifestationen und stimmte dann doch den Kriegskrediten zu! Auch die Basis integrierte sich, sicher nicht begeistert, aber klaglos, in den militärischen Aufmarsch. Nur vereinzelt kann man von jungen Männern lesen, die in den entscheidenden Stunden die Grenze nach Holland überschritten, sich so dem Kriegsdienst entzogen und damit ihr Leben retteten. Hätte es an der Basis der Gesellschaft eine auch nur halbwegs oppositionelle Einstellung gegeben, wäre das eine Massenbewegung gewesen.
Aus den Büchern des Schweizer Historikers Ignaz Miller wird eine Bebel‘sche SPD sichtbar, die im Reichstag wortreich gegen Heeresvorlagen agitierte, doch den zur Finanzierung dieser Aufrüstungsprogramme notwendigen Kredite stimmte sie zu.
Bei den Gewerkschaften sah es nicht besser aus. Sie nutzten den Krieg, um ihren Einfluss auszuweiten, dafür unterstützten sie die Erfordernisse der Kriegsproduktion. So zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Gesetz zum vaterländischen Hilfsdienst. Da arbeiteten sie mit einem Generalmajor Groener zusammen. Er sollte im weiteren Verlauf der Geschichte eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen.
Das sind Beispiele des Verhaltens einer Bewegung, vor der sich die herrschende Klasse wahrlich nicht zu fürchten hatte. Deshalb war die Basis des Klassenkompromisses von Bürgertum und Adel entfallen. Oder will hier wirklich jemand ernsthaft widersprechen?
1 Zitiert nach Schonauer, Karlheinz; 1914. Protokoll eines gewollten Krieges. Berlin 2012