Erweiterte Rezension

Ein Bild von Robert Siewert hängt seit Jahren über meinem Schreibtisch. Deshalb freut es mich besonders, dass mit Harald Jentsch endlich ein kompetenter Autor sich dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit der Arbeiterbewegung angenommen und ihm die gebührende Anerkennung – wenn auch spät – erwiesen hat. Befragt man Leute, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung bewandert sind, nach Robert Siewert, können viele mit dem Namen wenig anfangen. Siewerts Leben ist eng verknüpft mit den Siegen und Niederlagen der revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Es war ein dichtes Leben, das Harald Jentsch in nicht weniger als fast 400 Seiten zu packen versucht hat. Das mag in der Fülle manche abschrecken, vor allem in Zeiten, in denen die Mühen des Lesens eher gescheut werden. Deshalb ein Tipp. Wer vor den vielen Seiten zurückschreckt, sollte sich zuerst das Kapitel 8 „Buchenwaldhäftling Nr. 5044 (1938-1945) vornehmen. Im Vorwort heißt es: „Das Buch ist eine literarische Verarbeitung der Erinnerungen Robert Siewerts an Buchenwald, insbesondere seiner Aktivitäten zur Rettung polnischer Kinder, die nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht nach Buchenwald gebracht worden waren.“ Es ist kein Zufall, dass in der inzwischen umfangreichen Buchenwaldliteratur Siewerts Name immer wieder auftaucht. So in der Biographie des Afrodeutschen Gert Schramm, der als Jugendlicher im Steinbruch des KZs Buchenwald keine Überlebenschance gehabt hätte. Siewert lässt ihn dort herausholen. „Diese Schonzeit nach der Schinderei im Steinbruch verdankte ich...Robert Siewert.“1 Wie konnte der das, war er doch selbst Häftling? Jentsch erklärt das so: „Die politischen Häftlinge des Baukommandos 1 entwickelten sich im Laufe der Jahre zu einer verschworenen Gemeinschaft, die allen Drangsalierungen durch die SS zum Trotz es verstanden, vielen Kameraden neuen Mut zum Leben zu geben und vielen die Lage im Lager zu erleichtern.“ Und Robert Siewert war der Kapo dieses Baukommandos, das bis zu 1000 Häftlinge umfasste. Nach diesem Buchenwaldkapitel wird man neugierig und will mehr erfahren. In den ersten drei Kapiteln werden die Kindheits,-und Jugendjahre bis zur zwangsweisen Einziehung zum Kriegs“dienst“ im Ersten Weltkrieg geschildert. Die Kapitel vier bis sechs handeln von Siewerts politischer Tätigkeit in der Weimarer Zeit und seinem Ausschluss aus der KPD. Zwei Kapitel sind der Zeit von 1933 bis Kriegsende gewidmet. Nicht zu kurz kommt im neunten Kapitel sein Beitrag als Aktivist der demokratischen Umgestaltung in der SBZ. Das letzte Kapitel handelt von seiner Tätigkeit im Ministerium für Aufbau und seine Rolle in der antifaschistischen Erinnerungskultur. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Personenregister. Was Harald Jentsch hier vorgelegt hat, ist nicht nur die Biographie eines Repräsentanten der Arbeiterbewegung, der bisher – auch wegen seiner Bescheidenheit – nicht im Rampenlicht stand. Es ist gleichzeitig ein Geschichtsbuch über das 20. Jahrhundert.

Maurer und Aktivist

Wir erfahren im ersten Kapitel wie er in Schwersenz, Landkreis Posen, als ältestes von sieben Geschwistern aufwächst und nach einem Arbeitsunfall des Vaters mit 12 Jahren (!) die Schule verlassen muss, um für die Familie zu sorgen. Diese ist inzwischen nach Berlin umgezogen. Nach verschiedenen Hilfstätigkeiten beginnt er eine Maurerlehre. Er beteiligt sich bereits in dieser frühen Phase an Aktionen gegen die Lehrlingsausbeutung. Nach seiner Gesellenprüfung tritt er mit 18 Jahren in die SPD ein und kommt in Kontakt mit klassenbewussten Arbeitern wie Wilhelm Pieck (1876-1960), dem späteren Präsidenten der DDR und Heinrich Brandler (1881-1967). Beide auf Baustellen unterwegs. Er nimmt an marxistischen Kursen teil und begibt sich immer wieder auf Wanderschaft, die ihn u.a. in die Schweiz führt. Gerade mal Anfang zwanzig begegnet er in Genf Lenin. Eine weitere Wanderschaft mit Fritz Heckert (1884-1936) führt beide u.a. nach Stuttgart zu Clara Zetkin (1857-1933). Zurück in Zürich leitet er den Vertrieb von Arbeiterliteratur, beteiligt sich an Arbeitskämpfen und wird als Rädelsführer verhaftet. In Zürich begegnet er Lenin wieder, der bei ihm die neueste Literatur bestellt. 1912 nimmt er als Delegierter am Baseler Friedenskongress der Zweiten Internationale teil. Den Beginn des 1. Weltkriegs erlebt er in Bern als Sekretär des Schweizer Bauarbeiterverbandes für die Westschweiz. In Bern kommt es auch zu einer persönlichen Aussprache mit Lenin „um die Frage zu klären, welches das bessere Mittel für die schnellste Beendigung des Krieges sei: die Kriegsdienstverweigerung oder die organisierte revolutionäre Arbeit in der Armee unter den Soldaten“. Die Schweizer Behörden nehmen Siewert die Entscheidung ab, indem sie ihn 1915 verhaften und den deutschen Grenzbehörden übergeben. Nach kurzer Grundausbildung ist er an der Ostfront in Litauen und anschließend in Lettland, wo er im Rahmen einer Strafversetzung einem Zug Maschinengewehrschützen zugeteilt wird. Von Anfang an hält er Kontakt zur Spartakusgruppe in Chemnitz und erhält von dort subversive Literatur, die er an seine Kameraden weitergibt. Auch das ein Kapitel, in dem Jentsch einen tiefen Einblick in Siewerts Persönlichkeit gibt. Ausführlich schildert der Autor, wie deutsche Soldaten die beiden russischen Revolutionen an der Front erleben, und welch massive Vorkehrungen die deutschen Offiziere treffen, um eine Verbrüderung der einfachen Soldaten zu verhindern. Siewert ist immer mitten im Geschehen, geht keinem Risiko aus dem Weg und wird Mitglied eines Soldatenrats. Im Februar 1919 wird die 10. Armee aufgelöst. Als Robert Siewert nach Berlin zurückkehrt, sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bereits ermordet. Da ihn die Schweiz nicht mehr einreisen lässt, geht er zu seinen politischen Freunden nach Chemnitz. Im deutschlandweit stärksten Bezirk der KPD tritt er als Redner bei Großveranstaltungen auf. Später erinnert er sich: „Es war eine bewegte Zeit voller Sprengstoff, Arbeitslosigkeit, Teuerung und Inflation, sie führte zum Hunger breiter Massen und zu lebendigen Abwehrkämpfen.“ Im Sommer 1919 wird für Chemnitz der Belagerungszustand ausgerufen. Die Folge davon, viele Tote und Verletzte. Nach der Verhaftung von Brandler und Heckert wird Siewert Polleiter des KPD-Bezirks Erzgebirge. Ein Jahr später kann nur ein Generalstreik einen Erfolg des Kapp-Lüttwitz-Putsches verhindern. USPD-Linke wollen den Generalstreik fortsetzen, doch die Regierungsparteien lehnen ab. Im gleichen Jahr wird Siewert als einer von sechs Abgeordneten der KPD in den sächsischen Landtag gewählt. Dieses Mandat kann er bis 1929 verteidigen. 1922 nimmt er als Delegierter am IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale teil. Die deutsche Delegation bespricht sich mit Lenin. „Es ging um die Orientierung zur Einheitsfrontpolitik gegen eine linkssektiererische Strömung.“ Das Jahr 1923 geht als „Deutscher Oktober“ in die Geschichte ein. Nach offizieller Geschichtsschreibung von KPD und SED sollen im Herbst 1923 alle Bedingungen für eine Revolution in Deutschland gegeben gewesen sein und nur an der KPD-Führung um Heinrich Brandler und der verräterischen Sozialdemokratie habe es gelegen, dass sie vermasselt wurde. Harald Jentsch widerlegt diese Behauptung in seiner Dissertation2 von 2005. Siewert ist ab 1926 für die Arbeiterdelegationen nach Sowjetrußland verantwortlich.

Von der KPD zur KPD(O)

Schon bald gerät er in die innerparteilichen Fraktionskämpfe. Zentrale Kontroversen sind die Sozialfaschismusthese, die Spaltung der Gewerkschaften und überparteilichen proletarischen Massenorganisationen, die innerparteiliche Demokratie in KPD und Komintern und schließlich die kritische Solidarität mit der Sowjetunion. Infolge dieser Auseinandersetzungen werden die sog. Versöhnler um Brandler und Thalheimer (1884-1948) aus der KPD ausgeschlossen. Siewert wird im Januar 1929 aus der Partei und der Fraktion ausgeschlossen und erst Jahre später im KZ Buchenwald wieder in die KPD aufgenommen. Die Ausgeschlossenen organisieren sich in der KPD-Opposition (KPDO bzw. KPO). Siewerts Sohn Robert wird als 15jähriges Mitglied des KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands) ebenfalls ausgeschlossen. Nach dem Reichstagsbrand geht die Führung der KPO ins Ausland, Siewert wird Teil der Inlandsleitung. Bis zu seiner Verhaftung 1935 wechseln sich „Arbeitslosigkeit und Beschäftigung als Maurer miteinander ab“ Im Zuchthaus Luckau organisiert er unter den Mithäftlingen politische Kurse zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Nach Verbüßung der Haft wird er auf Anordnung von Reinhard Heydrich ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Dort trifft er auf viele Mitgefangene, die er von der gemeinsamen poltischen Tätigkeit kennt. Es gelingt ihnen, eine illegale, bewaffnete Organisation im Lager aufzubauen und Einfluss zu gewinnen. Jentsch schildert im Kapitel 8, wie sie es geschafft haben, korrupte Kapos auszubooten und die Stellen mit den eigenen Leuten zu besetzen. Nach einer Gedenkfeier für den ermordeten Ernst Thälmann, bei der Siewert die Gedenkrede gehalten hat, werden sie verraten und von der Gestapo brutal verhört. Diese Torturen überlebt Siewert nur knapp.

Neue Aufgaben in SBZ und DDR

Trotz seiner geschwächten Gesundheit und bereits 57 Jahre alt, beteiligt er sich an der demokratischen Umgestaltung in der Sowjetischen Besatzungszone als 1. Vizepräsident und Innenminister von Sachsen-Anhalt. Als Innenminister ist er auch für die Entnazifizierung, die Schaffung eines neuen Staats- und Verwaltungsapparats und die Bodenreform zuständig. Für alle Leserinnen und Leser von Harald Jentsch Biographie, die den Umgang der SED mit ehemaligen sog. Abweichlern genauer verfolgt haben, wird das Unterkapitel „Kontakt und Beziehungen zu den Genossen der KPD(O)“ von besonderem Interesse sein. Im Unterschied zu Theodor Bergmann (1916-2017) und anderen, die davon ausgingen, dass Siewert 1950 „abgesetzt“ wurde, stellt Jentsch die Frage: „War die Abberufung eine Degradierung?“ Er lässt es offen, da er es nicht „abschließend positiv beantworten“ könne. Denn „Siewert wurde keineswegs auf einen einflusslosen Nebenposten abgeschoben“. Mit deutlichen Worten verurteilt er aber generell den schändlichen Umgang mit verdienten Genossen, nur weil sie nicht bedingungslos der jeweiligen Generallinie folgten. Robert Siewert lässt sich auf die geforderte „Selbstkritik“ ein, muss sogar noch einmal nachlegen und bekommt eine Beurteilung, die den Autor an eine „Schülerbeurteilung“ erinnert. So mit einem Genossen umzugehen, der zehn Jahre Haft in Zuchthaus und Konzentrationslager nur knapp überlebt hat, ist an Schäbigkeit kaum zu überbieten. Zwar rehabilitiert man ihn im Zuge der Entstalinisierung; er wird auch wenige Monate vor seinem Tod als Held der Arbeit ausgezeichnet und mit weiteren Ehrungen bedacht, aber so ganz traut man ihm bis zuletzt nicht. Robert Siewert erliegt mit 86 Jahren am 2.November 1973 einem Schlaganfall. Wenigstens muss er das unrühmliche Ende seines Staates, für den er so viel gegeben hat, nicht mehr erleben.

h.e.

Harald Jentsch: Robert Siewert. Eine Biographie. Verlag am Park in der Edition Ost, 396 S., br.,25 €

 

1 Vgl. Schramm, Gerd: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland, Berlin 2011, S. 101.

2 Jentsch, Harald: Die KPD und der „Deutsche Oktober“, Rostock 2005