Ökologie und Kapitalismus

Die ökologischen Probleme werden immer drängender. Es ist offensichtlich, dass in vielerlei Hinsicht ein einfaches „weiter so wie bisher“ keine sinnvolle Perspektive sein kann. Aber die gesellschaftlichen und politischen Bewegungen, die hauptsächlich die ökologischen Fragen thematisieren, sind sehr unterschiedlich, unterschiedlich in ihren theoretischen Grundlagen, in ihren Analysen und ihren Forderungen. Teilweise sehen sie sich auch als Alternative zu den „traditionellen und überholten“ linken Kräften. In nächster Zeit wollen wir uns verstärkt mit den verschieden Aspekten dieser Problematik auseinanderzusetzen und dazu in loser Reihenfolge Artikel veröffentlichen.

 

 

Degrowth, eine neue Bewegung ?

Bevor die Pandemie durch das neuartige Corona Virus (Sars CoV 2) alle Aufmerksamkeit auf sich zog, schien die „Klimakrise“ das beherrschende politische Thema zu sein. „Fridays for Future“ hatte es geschafft das Thema in der Öffentlichkeit ganz vorne zu platzieren. Dabei gibt es (zumindest in Deutschland und Europa) scheinbar eine Übereinstimmung mit den Regierungen. Auch diese erklären die Reduktion des CO2 Ausstoß zu einem ihrer wichtigsten Ziele. Die Aktivisten von „Fridays for Future“ stoßen sich am Widerspruch zwischen den grundsätzlich zustimmenden Deklarationen und Beschlüssen und den tatsächlich umgesetzten Maßnahmen. Die Diskrepanz zwischen der in Sonntagsreden zugestandenen Dringlichkeit des Problems und der Langsamkeit der Umsetzung ist auch frappierend. Es stellt sich die Frage, in wieweit das angebliche gemeinsame Ziel aus Politik, Wirtschaft etc. nämlich die Pariser Beschlüsse umzusetzen wirklich existiert, beziehungsweise ob dieses von wichtigen Mitspielern nicht als (höchstens) zweitrangig angesehen wird. Trotzdem, die Kontroverse besteht zwischen Anschiebern und Bremsern. Es geht um fossile Energie gegen nachhaltige Energie, wenn man so will einen „fossilen“ Kapitalismus gegen einen „grünen“ Kapitalismus. Bei allen konkreten Interessenskonflikten bleibt „grüner“ Kapitalismus doch Kapitalismus. Eine erfolgreiche Umgestaltung im Sinne einer Begrenzung der Klimaerwärmung ist zwar in keiner Weise garantiert, aber sie erscheint für alle Beteiligten auch innerhalb des bestehenden Gesellschaftssystems, dem Kapitalismus, möglich.

 

Degrowth und Postwachstum

Daneben hat sich aber in den letzten Jahren (wobei die Wurzeln viel länger zurückreichen, zu nennen wären etwa Autoren wie Ivan Illich und Andre Görz) eine heterogene Strömung herausgebildet, die die gegenwärtigen Verhältnisse viel grundsätzlicher in Frage stellt. Haupt Kritik- und Angriffspunkt ist das permanente wirtschaftliche Wachstum, wie es etwa in den jährlichen Steigerungsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemessen wird. Allgemein wird im wirtschaftlichen Wachstum die Basis des Wohlstands gesehen und im Ausbleiben vom Wachstum die Ursache von Krisen. Die Kritiker_innen dagegen sehen im Wirtschaftswachstum den Kern des Übels. Dieser zentrale Punkt ihrer Kritik hat der Strömung auch den Namen gegeben. Aus dem Englischen kommend, hat sich auch im Deutschen der Begriff Degrowth eingebürgert. Eine wörtliche Übersetzung von Degrowth wäre „Entwachstum“ im Sinne von Wachstumszurücknahme, weniger sperrig aber nicht ganz präzise vielleicht „Nicht-Wachstum“. Als dazu gleichbedeutende Bezeichnung wird oft das Wort Postwachstum verwendet. Der einschlägige französische Begriff ist Decroissance.

Der Begriff Postwachstum einschließlich seiner Kombinationen wie Postwachstumsgesellschaft etc. wird allerdings nicht immer einheitlich verwendet. Manche Autoren (Beispiele wären. Klaus Dörre oder Karl Georg Zinn) verstehen unter einer Postwachstumsgesellschaft eine kapitalistische Gesellschaft, in der über einen längeren Zeitraum und im Gegensatz zu früheren Perioden, nur noch ein geringes oder gar kein Wirtschaftswachstum mehr erreicht wird. Die meisten alten Industrieländer befinden sich etwa seit der Mitte der 70ger Jahre in einen Zustand der Wachstumsschwäche. Es wird nun postuliert, dass diese Wachstumsschwäche in absehbarer Zeit nicht überwunden werden kann, sondern ein Zustand auf Dauer ist. (Die dazugehörigen Argumente für und wider können hier nicht weiter erörtert werden.) Nach dieser Lesart wäre die Postwachstumsgesellschaft also bereits Realität. Allerdings eine unfreiwillig erreichte Realität. Denn Regierungen, Kapital und viele sonstige Akteure streben selbstverständlich nach wie vor ein stärkeres Wirtschaftswachstum an. Bei einem Großteil der wirtschaftspolitischen Kontroversen geht es genau um diese Frage, wie wieder mehr Wachstum erreicht werden kann. Über Postwachstum in diesem Sinne, inklusive dessen Ursachen und Folgen, wird auch in der Degrowth Szene diskutiert. Was die Rede vom Postwachstum kompliziert macht und zu Missverständnissen und Begriffsverwirrung beitragen kann. Denn normalerweise verwendet die Degrowth Bewegung den Begriff Postwachstum in einer davon abweichenden Bedeutung. Sie versteht unter einer Postwachstumsgesellschaft eine Gesellschaft, die bewusst und absichtlich auf ständiges Wirtschaftswachstum verzichtet. Der Postwachstumszustand ist also das angestrebte Ziel. In diesen Artikel wird der Begriff Postwachstum in diesen Sinne als Synonym für Degrowth verwendet.

Die Degrowth Bewegung ist sicher keine Massenbewegung. Aber sie hat Resonanz und Einfluss gefunden, besonders in (linken) intellektuellen Kreisen und im akademischen Bereich. (An der Universität Jena gibt es z.B. ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes DFG-Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“.) Es ist unbestreitbar, dass ein nennenswerter Teil des kritischen Potentials hierzulande ihr nahesteht oder zumindest von ihr beeinflusst ist. Das gilt mehr oder weniger auch international. Seit 2008 wird alle 2 Jahre eine internationale Degrowth-Konferenz (vollständiger Name: Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit) abgehalten, mit jeweils hunderten Teilnehmern. (2008 Paris, 2010 Barcelona, 2012 Montreal, 2014 Leipzig, 2016 Budapest, 2018 Malmö, für September 2020 ist Manchester geplant). Über die Diskussionen auf diesen Kongressen gibt es Publikationen. Es wird überhaupt viel zu diesem Thema publiziert, manche Veröffentlichungen erreichen auch höhere Auflagen.

Es gibt also Gründe sich mit Degrowth zu befassen. Wenn man das tut, wird man mit der Tatsache konfrontiert, dass die Degrowth Szene sehr vielfältig ist. Innerhalb der Strömung gibt es viele Unterströmungen, die deutlich voneinander abweichende Vorstellungen und Konzepte vertreten. Jede Aussage, ist deshalb nur für mehr oder weniger große Teile gültig und fast nie für alle. Das macht eine Darstellung der Szene kompliziert. Im Folgenden wird aus sprachlichen Gründen nicht immer auf das Vorhandensein von abweichenden Positionen hingewiesen. Eine gewisse Relativierung der Allgemeingültigkeit sollte man deshalb bei allen Aussagen mitdenken. Charakteristisch ist auch des weitgehende Fehlen von Organisationen, in denen sich die Anhänger_innen zusammenschließen.

Noch eine weitere einleitende Anmerkung. Es gibt auch Konservative und eher Rechte, etwa Meinhard Miegel, mit seinem von ihm gegründeten Think Tank „Denkwerk Zukunft“, die vom Ende des Wachstums und ähnlichen sprechen. Und dann gibt es auch noch ausgesprochene Rechte, etwa völkische Nationalisten, die das tun. Davon soll hier aber nicht die Rede sein. Der Artikel bezieht sich nur auf die große Mehrheit der Degrowth Befürworter_innen, die einen emanzipatorischen Ansatz für sich beanspruchen und sich von rechten Positionen distanzieren.

 

Das sogenannte „Wachstumsparadigma“

Gemeinsam ist allen Unterströmungen die Kritik am „Wachstumszwang“ der bestehenden Gesellschaft. Die Vorstellung, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen muss oder soll, wird das „Wachstumsparadigma“, genannt und einer grundsätzlichen Kritik unterzogen. Die Überwindung des Wachstumsparadigma gilt als die Voraussetzung für eine nachhaltige Gestaltung der Gesellschaft. Allerdings ist die Kritik am Wachstum nicht bei allen gleich radikal. Das Spektrum der Zielvorstellungen reicht von Maßnahmen, die das Wachstums dämpfen sollen, ohne es aber notwendigerweise ganz zu unterbinden (eher eine Minderheitenposition), über das strikte Ende jedes weiteren Wachstums, bis zum deutlichen Rückbau des gegenwärtigen Produktionsniveau.

Zur Frage wodurch die Hegemonie dieses Wachsparadigma begründet ist, gibt es keinen Konsens. Für manche scheint es vor allem in den Köpfen der Menschen verankert zu sein, sozusagen aus Gewohnheit weil es bereits seit Langen besteht und eine Alternative deshalb nicht mehr denkbar ist. Erst als Folge dieser ideellen Dominanz hätte sich das Wachstumsparadigma auch in Strukturen und Institutionen abgebildet und damit stabilisiert. Beispiele für wachstumsabhängige Strukturen wären das Steueraufkommen ebenso wie die Einnahmen der Rentenversicherungen und Krankenkassen, die stark vom Konjunkturverlauf abhängig sind. Gibt es Wirtschaftswachstum fließen die Einnahmen, in Zeiten der Stagnation oder Rezession kommt auch die Finanzierung von Staat und Sozialkassen ins Stocken. Das ist sicher eine richtige Feststellung, aber für eine Erklärung eines Wachstumszwangs sehr oberflächlich.

Andere gehen in ihrer Analyse tiefer und sehen das Wachstumsparadigma in der Grundstruktur der Gesellschaft angelegt. Dabei gibt es (mindestens) zwei Richtungen. Die einen identifizieren den Kapitalismus als letzte Ursache des Wachstumsparadigma, verbinden also Wachstumskritik und Kapitalismuskritik. Die anderen sehen die entscheidende Struktur im „Industrialismus“, wie sie es nennen, oft verbunden mit einer allgemeinen Kritik an Produktivkraftentwicklung und Technik. Technik, Industrie, Produktivkraftentwicklung und damit zusammenhängende Strukturen würden, nach dieser Meinung, aus sich heraus einen Wachstumszwang begründen.

 

Ökologische Kritik

Der wichtigste Grund für die Formulierung einer radikalen Wachstumskritik sind ökologische Argumente. Im Kern beziehen sie sich auf die (unbestreitbare) Feststellung, dass das Wirtschaftswachstum im Prinzip grenzenlos gedacht wird, aber alle stofflichen Ressourcen auf dem Planeten Erde (mehr oder weniger) begrenzt sind. Dabei ist der Begriff Ressourcen in weitesten Sinn zu verstehen. Also nicht nur im Sinne von Rohstoffen, die aktiv gesucht und gezielt abgebaut werden, sondern zum Beispiel auch im Sinne von Umwelt, die nur im begrenzten Ausmaß verschmutzt und belastet werden kann.

Als Teil der ökologischen Kritik kann man auch die Forderung auffassen, dass ein nachhaltiger Lebensstil und eine nachhaltige Produktionsweise verallgemeinerbar sein muss. Darunter wird verstanden, dass aus Gründen der Gleichbehandlung allen Menschen ohne Ausnahme, die gleichen Ansprüche zustehen. Der Lebensstil im globalen Norden verbraucht viel mehr Ressourcen und hinterlässt einen viel größeren ökologischen Fußabdruck, als der im globalen Süden. Ein Anheben aller auf das Niveau des globalen Nordens könne aber kein sinnvolles Ziel sein, weil das zum ökologischen Zusammenbruch führen würde. Dieser kann bisher noch vermieden werden, weil eben nur ein privilegierter und relativ kleiner Teil der Weltbevölkerung diesen aufwendigen Lebensstil pflegt. Das wäre aber ein Zustand, der auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden kann und aus Gerechtigkeitsgründen auch nicht aufrecht erhalten werden soll. Das ist in etwa die weitverbreitete Argumentationslinie, mit der Solidarität mit dem globalen Süden eingefordert wird. Ein gewisses Wirtschaftswachstum wird nur noch den bisher benachteiligten Ländern zugestanden, von den reichen Ländern wird dagegen ein Rückbau ihres jetzigen Produktionsniveaus gefordert. Das zukünftige gemeinsame Niveau sollte ungefähr in der Mitte liegen, unter dem jetzigen Niveau des globalen Nordens, aber über dem des globalen Südens.

Die meisten Degrowth Anhänger_innen stehen sehr skeptisch bis ablehnend allen Hoffnungen gegenüber, durch bessere, effizientere, „grünere“ Technik die Produktion so umweltfreundlich gestalten zu können, dass sie mit dem Gebot der Nachhaltigkeit vereinbar ist. Solche Vorstellungen werden mehr oder weniger heftig als (gefährliche) Illusion gebrandmarkt, „grünes“ Wachstum, im Sinne von Vereinbarkeit von Ökologie und Wachstum, sei unrealistisch.

Ein wichtiges Argument ist dabei der Verweis auf die sogenannten Rebound-Effekte (etwa Rückschlag-Effekte). Von solchen Effekten spricht man, wenn ein erzielter Erfolg gleichzeitig der Grund dafür ist, diesen Erfolg wieder zunichte zu machen. Angenommen, es gelingt bei der Produktion eines Gutes erhebliche Mengen an Material und/oder Energie einzusparen, also die Ressourcen zu schonen. Diese Einsparungen führen dann meistens zu Preissenkungen. Wegen der geringeren Preise wird mehr verkauft, folglich mehr produziert und der Ressourcenverbrauch steigt wieder. Der Einsatz der neuen Produktionsmethode hat damit auf längere Sicht nicht wirklich zu einer Schonung der Ressourcen geführt, sondern zum Gegenteil. Durch entsprechende Untersuchungen ist belegt, dass in der Vergangenheit häufiger durch solche Rebound-Effekte anfängliche Fortschritte wieder zunichte gemacht wurden.

Natürlich werden diese Argumente nicht nur, so wie hier, in gestraffter Form entwickelt. Es gibt ausführliche Analysen zu diesen Themen. Aber es ist auffallend, die meisten Autoren_innen werden nicht ganz so konkret. Sie vermeiden es, die genauen Grenzen des Wachstums aufzuzeigen, z.B. welche Rohstoffe wie genau begrenzt sind. Es ist oft vom Peak Oil und vom Peak Everything die Rede, quantifiziert wird aber dann nicht. Auch die Kritik an Konzepten des „grünen“ Wachstums begnügt sich oft mit grundsätzlichen und pauschalen Thesen einerseits und kleinteiliger Kritik an Unzulänglichkeiten und Lücken andererseits. Eine wirklich stringente Argumentationskette wird nicht erreicht.

Die ökologische Argumente bilden für die meisten Wachstumskritiker_innen den harten Kern ihrer Argumentation. Die ökologische Notwendigkeit würden früher oder später eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaftsweise herbeiführen, sei es durch einen rechtzeitigen und freiwilligen Umbau oder erzwungen durch die auf Dauer nicht zu verhindernden katastrophalen Auswirkungen. Entsprechend der Parole „Degrowth by design or by desaster“.

 

Kritik am „Konsumismus“

Weit verbreitet ist auch Kritik am Konsum, genauer gesagt an der Art und Weise wie in den reichen Ländern konsumiert wird, oder Kritik am „Konsumismus“ wie das in der Szene genannt wird. Viele konsumierte Waren würden gar nicht das Wohlergehen der Menschen steigern, sondern nur künstlich erzeugte Scheinbedürfnisse befriedigen. Besonderer Kritik unterliegen die sogenannten Positionsgüter, deren Konsum vor allem dazu dient, die eigene Position gegenüber anderen hervorzuheben. Bei den Positionsgütern ist zusätzlich ein fataler Effekt zu beobachten. Denn bei diesen Gütern besteht die Tendenz, durch allgemeine Verbreitung die gewünschte Wirkung zu verlieren. Wenn alle ein bestimmtes Konsumgut zur Verfügung haben, kann man sich damit nicht mehr von den anderen abheben und man braucht zu diesem Zweck etwas Neues und Zusätzliches. Deshalb wird durch die Positionsgüter eine Konsumspirale angetrieben, die nie zu einem Ende kommt.

Für manche Richtungen in der Postwachstumsbewegung ist Kritik am Konsumismus ein zentraler Punkt. Auf Unterscheidungen zwischen echten und Scheinbedürfnissen wird großer Wert gelegt. Die Änderung des persönlichen Konsumverhaltens wird als wichtiger Ansatzpunkt für den Umbau in Richtung Postwachstumsgesellschaft betrachtet.

Oft wird in diesen Zusammenhang auf das „Glücks Einkommens Paradox“ verwiesen das der amerikanische Ökonom Richard Easterlin 1974 durch seine empirischen Untersuchungen des statistischen Zusammenhangs zwischen BIP und einem subjektiven Glücksempfinden feststellte (deshalb auch Easterlin Paradox genannt). Gemäß seinen Untersuchungen verhält es sich so: die Lebensqualität weist bei relativ niedrigen BIP einen direkten Zusammenhang zur Höhe des Einkommens auf, das heißt bei Menschen mit geringen Einkommen bewirkt eine Einkommenssteigerung auch eine Steigerung der Zufriedenheit (des Glücks). Je höher das BIP und damit auch das durchschnittliche Einkommen ansteigt, desto geringer wird dieser Zusammenhang, um ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr feststellbar zu sein. Inzwischen gibt es mehrere Untersuchungen von verschiedenen Autoren_innen, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. (Letztlich handelt es sich dabei um die alte Volksweisheit „Geld allein macht nicht glücklich“). Daraus wird gefolgert, dass eine Begrenzung des Konsums ohne echte Einschränkungen der Lebensqualität möglich ist. Dieser Einschätzung kommt aus der Sicht der Degrowth Befürworter_innen zentrale Bedeutung zu. Denn sie könnte einen Weg zu einem generellen und freiwilligen Verzicht auf Konsum eröffnen.

In Degrowth Kreisen ist im Allgemeinen durchaus ein Bewusstsein von den wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten vorhanden, auch davon, dass die Ungleichheit in der jüngeren Vergangenheit eher zugenommen hat. Die einschlägigen Arbeiten von Thomas Piketty werden häufig zitiert und als Beleg dafür gesehen, dass Wirtschaftswachstum die soziale Ungleichheit nicht beseitigen wird. Geht es aber um Kritik am Konsumverhalten spielt die Ungleichheit kaum mehr eine Rolle. Die Klassenfrage interessiert da nicht.

 

Weitere Kritik an der Wachstumsgesellschaft

Ein weitere Kritikpunkt bezieht sich auf die Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als Maß für den Wohlstand eines Landes. Das BIP summiert alles auf, was eine Gesellschaft hervorbringt, aber nur den Geldausdruck, Marxisten würden sagen den Tauschwert. Gebrauchswerte (seien sie nun wichtig oder zweifelhaft) spielen bei der Berechnung des BIP keine Rolle. Deshalb können auch wirtschaftliche Aktivitäten, von denen Umweltzerstörung oder eine Gefahr für die Gesundheit ausgeht, als positive Beiträge in die Berechnung des BIP eingehen.

Sicher eine zutreffende Kritik. Aber in einer kapitalistischen Gesellschaft ist der Geldausdruck, die monetäre Seite oder der Tauschwert die zentrale ökonomische Größe. Deshalb ist das BIP nicht zufällig das statistisches Maß für die Beschreibung der ökonomischen Aktivitäten einer kapitalistischen Gesellschaft. Das Wohlergehen einer Gesellschaft dagegen ist selbstverständlich vom Gebrauchswert der Waren abhängig und vom Zugang zu sozialen Diensten wie etwa für Bildung, Gesundheit und Pflege. (Dienste, die auch in kapitalistischen Gesellschaften oft keine Warenform haben und staatlich oder gemeinwirtschaftlich organisiert sind). Um das Wohlergehen abzubilden, müsste eine Bilanz entwickelt werden, die auf Gebrauchswerte und gesellschaftlichen Nutzen basiert und auch Zerstörungen und Verluste, die bei der Produktion anfallen, einbezieht. Da viele Degrowth Anhänger_innen nicht systematisch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert unterscheiden, bilden ihre Aussagen oft eine unsystematischen Mischung von Kritik an beiden. Sie beklagen die Anhäufung von monetären Größen, also Werten (wie sie im BIP erfasst werden) ebenso wie den Verbrauch von Rohstoffen und Energie, den es ja auch bei nützlichen Gebrauchsgütern gibt, ohne die notwendige Trennung bei der Beurteilung von beiden vorzunehmen.

Neben dem Wirtschaftswachstum selbst werden auch viele andere Erscheinungen der modernen Gesellschaften einer Kritik unterzogen. Postwachstumsgesellschaften sind deshalb, in den Augen ihrer Befürworter_innen, nicht einfach als Gesellschaften ohne Wachstum gedacht, sondern sollten eine weitgehende Emanzipation ermöglichen. Befreiung nicht nur von Wachstumszwängen,sondern auch von vielen anderen Zwängen und Problemen.

So wird auch auf die psychischen Belastungen der Menschen in den modernen Gesellschaften hingewiesen. Durch den vorhandenen Druck der beständig steigenden Anforderungen und der permanenten Beschleunigung von allem, werden viele Menschen auf Dauer überfordert. Das erzeugt Stress und als Folge davon psychische Krankheiten. Viele Autoren_innen greifen auch auf die Erkenntnisse über Entfremdung, wie sie seit langen auch von marxistischer Seite diskutiert werden, zurück.

Ein wichtiges Anliegen ist vielen die Neubewertung und Neuverteilung von Arbeit. Meistens werden Vorstellungen entwickelt die Zeit für Erwerbsarbeit zu kürzen. Das soll Zeit schaffen für Arbeit, die unmittelbar der Subsistenz dient. Subsistenzarbeit wird als nicht entfremdete und die Natur nicht belastende oder gar zerstörende Arbeit vorgestellt.

Von feministischer Seite wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Stellung der Sorgearbeit in der Gesellschaft zu verbessern, ihre Verteilung zwischen den Geschlechtern, die allgemeine gesellschaftliche Anerkennung und die (zu geringe) Bezahlung, falls sie als Lohnarbeit geleistet wird.

Viele Befürworter_innen einer Postwachstumsgesellschaft entwerfen auf ziemlich abstrakter Ebene und in einer sehr idealistischen Art und Weise eine Gesellschaft die kein Wirtschaftswachstum aufweist und darüber hinaus einer idealen Gesellschaft nahekommt. Die vorgestellte Postwachstumsgesellschaft kennt deshalb auch umfassende Demokratisierung, soziale Gleichheit, Geschlechtergerechtigkeit, ist frei von Diskriminierung und übt Nord-Süd Solidarität. Alle diese Ziele werden für unverzichtbar erklärt. Wie aber wäre eine Gesellschaft zu beurteilen, die zwar die natürlichen Ressourcen schont, aber in einer anderen wichtigen Frage, sei es Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit oder religiöse Duldsamkeit erheblich vom gewünschten Idealzustand abweicht ? Was hätte dann Priorität ? Gibt es eventuell notwendige, vielleicht sogar materielle, Voraussetzungen, um diese Ziele erreichen zu können ? Solche Fragen werden normalerweise nicht gestellt.

 

Das Konzept Buen Vivir

Das „Konzept Buen Vivir“ (gutes Leben) ist unabhängig von der Postwachstumsbewegung in Lateinamerika entstanden. Buen Vivir wurde stark von Vorstellungen indigener Gruppen geprägt. Lokaler Widerstand gegen diverse Projekte von Rohstoffabbau und den damit verbundenen ökologischen Zerstörungen und sozialen Verwerfungen (die lokale Bevölkerung profitiert nur sehr wenig von diesen Vorhaben, muss aber die Lasten tragen) haben wesentlich zur Herausbildung des Konzepts beigetragen. Es steht für die Untrennbarkeit von Mensch und Natur. Es steht für ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur und für eine harmonische Integration des Einzelnen in die menschliche Gemeinschaft. Es strebt nach einem nachhaltigen und würdigen Leben für alle. Dabei fließen traditionelle indigene Vorstellungen von der Verbundenheit von Mensch und Natur und dem menschlichen Zusammenleben ein.

Inzwischen hat der Begriff sich weit über Lateinamerika hinaus ausgebreitet.Viele Autoren_innen der Degrowth Szene beziehen sich darauf und betonen die Gemeinsamkeiten. Buen Vivir ist zu einer Art Kurzbeschreibung eines zentralen Ziels der Postwachstumsgesellschaft geworden.

 

Wie bereits erwähnt ist die Postwachstumsbewegung keineswegs einheitlich. Je nachdem welche Kriterien man heranzieht, kann man verschiedene Strömungen unterscheiden. Wegen dem Fehlen von Organisationen mit ausgearbeiteter Programmatik können die verschiedenen Richtungen anhand von Publikationen identifiziert werden. Zu nennen wäre etwa das Buch „Postwachstumsgesellschaft“ von Irmi Seidl und Angelika Zahrnt, das eine größere Verbreitung gefunden hat. Die Autorinnen fordern aus ökologischen und moralischen Gründen die Abkehr vom bisherigen Wachstumskurs und den Umbau der nach ihrer Meinung wachstumstreibenden Institutionen bzw. Strukturen wie Alterssicherung, Gesundheitssystem, Bildungswesen, Steuern und Finanzen, um sie wachstumsunabhängig zu machen. Die Zurücknahme von Konsum und Produktion fordern sie nicht ausdrücklich. Ihre Argumentation könnte man als ökologisch und sozialliberal einstufen. Sie setzen beim geforderten Umbau auf Marktinstrumente und befürworten eine soziale Marktwirtschaft. Damit sind sie eine der wenigsten radikalen Kritikerinnen der bestehenden Verhältnisse innerhalb des Degrowth Spektrums.

 

Suffizienz orientierte Strömungen

Ein bedeutender Teil von Degrowth propagiert die Suffizienz (Genügsamkeit). Anhänger_innen der Suffizienz appellieren an die Menschen, ihren Konsum einzuschränken, das Leben strikt auf Nachhaltigkeit auszurichten und den persönlichen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Aus ihrer Sicht ist die Einschränkung des Konsums aber eher Befreiung und weniger Verzicht. Sie plädieren für mehr Reparatur und weniger Neuproduktion, meistens auch für eine strikte Regionalisierung des Wirtschaftens und für eine erhebliche Reduzierung der für Erwerbsarbeit aufgewendeten Zeit zugunsten von mehr Subsistenzarbeit. Diese Strömung setzt hauptsächlich auf eine Verhaltensänderung der Individuen. Eine jeder müsse sein Leben überprüfen und Verantwortung übernehmen. Massenhafte Schritte in diese Richtung würden natürlich das Produktionsniveau erheblich senken. Gelegentlich ist vom einem verbleibenden Rest an Industrieproduktion die Rede. Was genau zu diesen Rest gehören soll, oder ob dieser vielleicht nur in einer (längeren) Übergangszeit weiterbestehen soll, wird nicht entwickelt. Das Buch von Niko Paech (siehe dazu eigenen Beitrag) ist typisch für die Strömung.

Eng verzahnt mit den Suffizienz orientierten Strömungen sind die auf alternative Projekte ausgerichteten Gruppen und Initiativen. Die konkreten Projekten sollen im hier und jetzt, gleichsam in einem „Nowtopia“ wie es genannt wird, mit der alternativen Lebensform beginnen. z.B. in Kooperativen des genügsamen und solidarischen Produzierens, der solidarischen Landwirtschaft und ähnlichen.

 

Kritik am „Industrialismus“

Eine weitere Untergruppe sind die Kritiker_innen des „Industrialismus“. Industrialismus bezeichnet dabei die Gesamtstruktur einer auf mechanisierter Arbeit beruhenden modernen Industriegesellschaft. Die Kritik am Industrialismus postuliert, die identifizierten negativen Tendenzen der Gesellschaft wie Wachstumszwang, destruktiver Umgang mit der Natur, Entfremdung usw. wären bereits im industriellen Produktionsapparat selbst, in der Technik und den entwickelten Produktivkräften angelegt. Die Industrialismus Kritik bezieht sich ausdrücklich auf kapitalistische und sozialistische Gesellschaften. Der industrielle Einsatz von Produktivkraft und Technik sei grundsätzlich herrschaftsförmig angelegt und würde die menschliche Selbstbestimmung einschränken und zwar unabhängig von den Eigentumsverhältnissen. Produktivkraftsteigerungen gelten deshalb als prinzipiell problematisch und keineswegs als automatisch wünschenswert. Nach dieser Ansicht sind also nicht nur die jetzt bestehenden Formen der Technik und Maschinerie problematisch, sondern bereits die Produktivkraftentfaltung als solche. Eine Steigerung der Produktivkräfte würde immer auch eine Erhöhung des Energieverbrauchs bedeuten. Die Produktion ist unweigerlich mit Materialverbrauch verbunden. Die Komplexität der Gesellschaft nimmt fast unvermeidlich mit den Einsatz von entwickelten Produktivkräften weiter zu. Es käme aber darauf an, die Komplexität der Gesellschaft zurückzunehmen. Denn Komplexität macht die Verhältnisse unüberschaubar, erhöht die Abhängigkeiten und damit auch die Krisenanfälligkeit.

Das Streben nach Steigerung der Produktivität selbst gilt als Wachstumstreiber und Grund für den Wachstumszwang. Technik sei eben nicht neutral und daher nicht einfach von der Profitlogik abzulösen. Für manche Autoren (Lewis Mumford, Otto Ullrich) betrifft die Nicht-Neutralität der Technik nicht nur den Produktionsapparat, sondern ist bereits in der naturwissenschaftlich-technischen Herangehensweise angelegt, die bereits in sich ein herrschaftsförmiger Vorgang wäre. Die naturwissenschaftliche-experimentelle Rationalität ginge einher mit einem quasi-religiösen Glauben an Technik als Heilsbringer. Technische Innovation werde so zum Selbstzweck.

Bei einer solchen Argumentation stellt sich die Frage, was ist das Ziel der Industrialismus Kritiker_innen ? Auf welche Stufe der Produktivkraftentfaltung soll denn zurückgegangen werden ? Wann und warum wäre eine Produktionsweise kein Industrialismus mehr ?

 

Postwachstum und Kapitalismuskritik

Kapitalismuskritische Äußerungen finden sich in sehr vielen Degrowth orientierten Publikationen. Da wird gegen Profitgier, mächtige Konzerne, Ausbeutung usw. heftig polemisiert. Bei der weiteren Lektüre sieht man aber, dass die Kapitalismuskritik häufig sehr oberflächlich bleibt. So kann es z.B. vorkommen, dass neben den Konzernen auch die Gewerkschaften als wachstumstreibende Großstrukturen kritisiert werden. Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass eine Kritik an Gewerkschaften nicht zulässig wäre, aber man muss schon die unterschiedliche Stellung von Konzernen und Gewerkschaften im Produktionsprozess und Gesellschaft zur Kenntnis nehmen, nur Kritik an Großstrukturen ist nicht antikapitalistisch.

Aber ein erheblicher Teil der Degrowth Anhänger_innen betreibt ernsthafte Kapitalismuskritik. Sie erkennen den Kapitalismus als Wirtschaftssystem, der das ständige Wirtschaftswachstum fordert. Die im Kapitalismus notwendige ständige und im Prinzip grenzenlose Kapitalakkumulation wird als Antrieb und Begründung für das Wachstum benannt, ebenso wie der aus der Akkumulation abgeleitete Profitzwang, die kapitalistische Konkurrenz etc.. Dementsprechend definieren sich auch viele als antikapitalistisch. Allerdings ist besonders hier auf die große Bandbreite der Meinungen hinzuweisen. Das Verständnis von Kapitalismus und damit auch Antikapitalismus kann sich bei Einzelnen erheblich unterscheiden. Dazu ein Zitat von Matthias Schmelzer und Andrea Vetter, die die Situation so charakterisieren (S. 109): „Das Verhältnis zwischen Kapitalismus- und Wachstumskritik ist ein ambivalentes und kompliziertes, das durch viel gegenseitige Skepsis geprägt ist. So gibt es in Teilen der Postwachstumsspektrums Berührungsängste und ein Zurückschrecken gegenüber den daraus folgenden Konsequenzen – namentlich das Anerkennen, dass Postwachstum eigentlich auch Postkapitalismus bedeuten müsste. Und es wird von Postwachstumsseite angemerkt, dass mit der Ablehnung des Kapitalismus noch längst nicht die Ablehnung der mit technischen Fortschrittsglauben und mit materiellen Wachstum einhergehenden Zerstörungen mit sich bringt – schließlich war nicht nur der real existierende Sozialismus ein ausgesprochen wachstumsorientiertes und technokratisches Projekt, sondern auch viele heutige Vorschläge für Sozialismus oder Postkapitalismus fallen hinter eine emanzipatorische Wachstumskritik zurück.“

Festzuhalten ist, dass viele Wachstumskritiker_innen Kapitalismuskritik betreiben, für sich aber beanspruchen, über Kapitalismuskritik hinauszugehen, die Probleme der Gegenwart umfassender zu analysieren und zu kritisieren und einen Ansatz zu vertreten, der emanzipatorischer ist als der, der „traditionellen“ linken antikapitalistischen Strömungen.

(Wir werden auf die Themen Technik, Produktivkräfte, Industrie, Wachstum und Ökologie in einer der nächsten Nummern noch ausführlich eingehen.)

 

Degrowth, Kritik und Resümee

Unterzieht man die Aussagen der Degrowth Bewegung einer kritischen Überprüfung kommt man zu dem Ergebnis: Ihr wesentlicher Beitrag ist die radikale Thematisierung der ökologische Frage. Auch im „Mainstream“ nimmt die Ökologie inzwischen eine prominente Position ein. Der Mainstream mogelt sich aber oft an der Tiefe des Problems vorbei. Verdienstvoll ist deshalb auch die Kritik der allzu optimistischen Vorstellungen vom „grünen“ Wachstum und das ausdrückliche Bestehen auf einer globalen Ressourcengerechtigkeit. Bei diesen Punkten gelingt es Degrowth den gegenwärtigen Verhältnissen einen schonungslosen aber realistischen Spiegel vorzuhalten und Pseudolösungen als solche zu benennen.

Allerdings gibt es wenig was über die Benennung der Probleme hinausgeht. Sieht man vom Aufruf zum individuellen Konsumverzicht ab, hat Degrowth kaum eigene Vorschläge und Strategien für die Zukunft entwickelt.

Bei der weiteren Kritik über die Ökologie hinaus, an Entfremdung, Diskriminierungen, Genderungerechtigkeiten, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit etc., bleibt, so richtig die Kritik im einzelnen meistens ist, der Zusammenhang mit einem „Wachstumsparadigma“, mit Wirtschaftswachstum als solchen, unklar. Für alle diese Themen gibt es seit langen fundierte Analysen von Marxisten und Nicht-Marxisten, die sowohl ihre gesellschaftliche Bedingtheit, als auch ihre partielle Eigenständigkeit aufzeigen. Es ist nicht wirklich zu erkennen, welcher Erkenntnisgewinn durch die Beiziehung der Degrowth Thematik erzielt wird. Alle kritisierten Verhältnisse sind auch in einer nicht auf ständigen Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft möglich. Der vorkapitalistische Feudalismus in Europa und die vorkapitalistischen Verhältnisse in vielen anderen Gegenden zeigen klar, dass vielerlei Ungleichheiten, Diskriminierungen und Ausbeutungsverhältnisse ohne ein Wachstumsparadigma existieren können.

Es gilt auch daran festzuhalten, dass, historisch gesehen, mit der Entfaltung der Produktivkräfte auch Emanzipationserfolge verbunden waren, wie etwa die Etablierung der bürgerliche Demokratie, die Gleichberechtigung der Geschlechter oder in Bezug auf Homosexualität. Es geht gewiss nicht darum, die jetzigen Zustände zu idealisieren, aber Fakt ist: in Bezug auf Emanzipation schneiden gegenwärtig die Zentren, die ja auch Zentren des Wachstums waren und sind, eher besser ab als die Peripherie.

Auch zu anderen gesellschaftlichen Fragen und Problemen wurde schon in vielen Analysen die kapitalistische Bedingtheit dargestellt, z..B. auch zum Komplex der Sorgearbeit. Die Schwierigkeit Tätigkeiten der Pflege und Sorge in die Mehrwertproduktion einzubeziehen, reproduziert im Kapitalismus die Tendenz diese Tätigkeiten schlecht zu bezahlen, ihnen einen geringen Stellenwert zuzuweisen, also sie insgesamt prekär zu halten.

Durch die im Kapitalismus vorgegebene Dominanz von Tauschwert und Kapitalakkumulation lässt sich das ökologische Dilemma gut erklären. Eine ökologische Organisation der Produktion kann nur gelingen, wenn diese auf die Gebrauchswerte ausgerichtet wird. Nur so kann der Nutzen für die Menschen und der Schaden, der bei der Produktion direkt und indirekt angerichtet wird, sinnvoll bilanziert werden. Jetzt sind die entscheidenden Kriterien, die die Produktion steuern, der Tauschwert, der Profit und die Vermehrung des Kapitals, alles andere wird dem untergeordnet. Es wäre aber eine Illusion eine Gebrauchswertorientierung für eine einfache Sache zu halten. Die Dimensionen der Aufgabe werden erst nach und nach bewusst. Das bedeutet weit mehr als die Berücksichtigung von Umweltschutz. Eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse (Sozialisierung) führt keineswegs automatisch zur Gebrauchswertorientierung, diese ist nur durch einen vermutlich langen Umstellungsprozess erreichbar.

 

Eine Einschätzung der politischen Bedeutung der Degrowth Szene kommt zu einem paradoxen Ergebnis. Einerseits hat sich die Postwachstumsbewegung ohne Zweifel zu einen größeren Teil der kritischen und im weiteren Sinne linken Bewegungen entwickelt. Sie stellt eine relevante Größe dar. Andererseits gelingt es nicht, ihren Einfluss in konkrete Forderungen und umsetzbare Konzepte umzumünzen. Keine der verschiedenen Degrowth Strömungen hat bisher eine Strategie und Praxis entwickelt, die bereits direkt politisch wirksam geworden wäre. Das liegt nicht nur an der letztlich ungebrochenen Dominanz der herrschenden Ideologien. Auch die Kluft zwischen Degrowth und anderen ökologischen und gesellschaftskritischen Bewegungen ist zum Teil groß. Das gilt insbesondere für die Parteien „Die Grünen“ und „Die Linke“. Beide wären ja in gewisser Weise als Ansprechpartner vorstellbar. Aber beide vertreten mehrheitlich keine Degrowth Positionen. Es sieht auch nicht danach aus, als könnte sich daran bald etwas ändern. Nur die (bayerische) Kleinpartei MUT vertritt in ihrer Programmatik solche Positionen, bisher allerdings mit praktisch keinen Erfolg bei Wahlen.

Es gibt auch eine Trennlinie zwischen Degrowth und anderen Teilen der Ökologiebewegung, wie den ökologischen Reformkräften. Diese konzentrieren sich meistens auf konkrete ökologischen Themen wie Energiegewinnung, Mobilität, Abfallvermeidung usw. und versuchen Fortschritte durchzusetzen. Während bei der konkreten Beurteilung von ökologischen Fragen oft eine große Überschneidung zwischen Degrowth und ökologischen Reformkräften festzustellen ist, geht es bei der grundsätzlichen Einordnung weit auseinander. Degrowth lehnt die Vorstellung eines „grünen“ Wachstum heftig ab, kritisiert, teilweise ziemlich wütend, die Hoffnungen durch bessere, „grüne“Technik, die Umweltbeeinträchtigung und den Ressourcenverbrauch wesentlich reduzieren zu können. Gefordert wird wird der Bruch, nicht der Kompromiss mit dem Wachstumsparadigma.

Diese Forderung bewirkt gleichzeitig eine Kluft zu den Linken, Sozialisten, Kommunisten und auch zu allen anderen Kräften, die sich als Interessenvertretung der Lohnabhängigen sehen, wie Gewerkschaften und Sozialdemokratie. Mit den Linken gäbe es zwar ein potentielles gemeinsames Ziel, die bestehenden Verhältnisse umzugestalten. Aber mit Ausnahme der antikapitalistischen Teile von Degrowth, wird eher das trennende betont. Die klassische Linke wäre im Produktionismus gefangen und würde die Fesseln des Industrialismus nicht erkennen.

Mit der Konzentration ihrer Kritik auf das „Wachstumsparadigma“ zielt die Bewegung auf einen zentralen Punkt der Gesellschaft. Jede kapitalistische Gesellschaft ist auf Wachstum gepolt. Wachstumsorientierung ist ohne Zweifel ein Teil der herrschenden Ideologie und wird als Zukunftsversprechen instrumentalisiert. Nach diesem Versprechen soll zukünftiges Wachstum die Lösung für alle möglichen Mängel und Probleme bringen. Auch wenn die Realität eher durch „Sparzwang“, Sozialabbau, Verfall der Infrastruktur und Zunahme der Ungleichheit geprägt ist. Die Propagierung einer Postwachstumsgesellschaft stellt einen radikalen Angriff auf das kapitalistische Selbstverständnis dar. Eine Verwirklichung wäre eigentlich nur im Zusammenhang mit Postkapitalismus möglich. Degrowth steht sozusagen per se quer zum Kapitalismus, auch wenn sich manche Protagonisten dessen gar nicht bewusst sind und keine explizit kapitalismuskritische Programmatik vertreten. Das gilt z.B. für die Position von Niko Paech, der in keiner Weise antikapitalistisch argumentiert. Trotzdem ist es offensichtlich, seine Vorstellungen von Suffizienz und Subsistenz und gegen den Einsatz von Maschinen, Energiesklaven wie er sie nennt, würden, konsequent verwirklicht, jeden Kapitalismus sprengen. Allerdings ist diese Antihaltung zum Bestehenden nicht notwendigerweise mit realistischen Vorstellungen verknüpft wie das Ziel durchgesetzt werden könnte. Dass der Kapitalismus auch eine Machtstruktur ist und eine Herrschaftsform, die gebrochen werden müsste, wenn das Wachstumsparadigma beendet werden soll, ist offensichtlich nicht allen klar. Dafür keine Strategie zu haben ist für sie deswegen auch kein Problem.

Selbstverständlich ist es offen wie und wohin sich die Degrowth Bewegung weiter entwickeln wird. Mit ihrer heftigen Kritik gegen jedes Wirtschaftswachstum ist sie ein Stachel im Fleisch des Kapitalismus. Allerdings enthält sie auch etliche Elemente wie Betonung von Suffizienz und Subsistenz oder die Ablehnung der Produktivkraftentwicklung, die auch ein Abkippen ins Reaktionäre möglich erscheinen lassen.

Ein nicht unerheblicher Teil der Bewegung ist kapitalismuskritisch eingestellt. Allerdings Kritik am Kapitalismus ist ein weites Feld und manchmal vermischt mit Kritik am angeblich noch grundlegenderen Industrialismus. Trotzdem gibt es hier eine Basis für einen konstruktiven Dialog mit anderen Linken und Marxisten.

Denn eines gilt es festzuhalten. Eine Postwachstumsgesellschaft müsste zwingend eine postkapitalistische sein. Umkehren lässt sich diese Aussage freilich nicht. Eine postkapitalistische Gesellschaft muss nicht zwingend eine Postwachstumsgesellschaft sein. Aber nur wenn der Zwang zur Kapitalakkumulation gebrochen wird, werden auch Fragen wie Wachstum ja oder nein, Wachstum wofür, und die Frage nach den Gebrauchswerten wirklich für eine gesellschaftliche und demokratische Entscheidung zugänglich. Solange das nicht erreicht ist, und die Gesetzmäßigkeiten des Kapitals Produktion und Konsumption bestimmen, sind dem enge Grenzen gesetzt. Zwar sind auch im Kapitalismus ökologisch motivierte Maßnahmen möglich, aber gewissermaßen nur von Außen als Schadensbegrenzung. Der Kern der Wirtschaft funktioniert und steuert sich nach anderen Gesetzmäßigkeiten, eben den kapitalistischen, und reproduziert damit ständig die ihnen eigenen Widersprüche, die ökologischen ebenso wie die sozialen.

 

 

Der Grundwiderspruch - Kapitalismus und Ökologie

Wachstumszwang

Kapitalakkumulation gehört zum Wesen des Kapitalismus. Kapital muss sich verwerten, d. h. Profit abwerfen. Geld wird investiert, um mehr Geld zu erwirtschaften. Der erzielte Profit wird meistens nur zu einem geringen Teil von den Kapitalisten konsumiert. Für den größeren Teil wird nach einer profitablen Wieder-Anlagemöglichkeit gesucht und damit beginnt der Verwertungszyklus vom neuen, auf erweiterter Basis. Die Kapitalakkumulation ist notwendigerweise mit wirtschaftlichen Aktivitäten verbunden, die einem immer höheren monetären Gegenwert entsprechen. Historisch war das auch immer mit einer Ausdehnung der materiellen, stofflichen Produktion verknüpft. Eine Entkoppelung von Kapitalakkumulation (und damit Wachstum ausgedrückt in Werten) und der materiellen Produktion (mit entsprechenden Ressourcenverbrauch) ist zur Zeit nicht sichtbar. Es ist fraglich, ob eine vollständige Entkoppelung überhaupt möglich ist. Möglich erscheint aber eine teilweise Entkoppelung, mit der ausgewählte Rohstoffe und Produktionsweisen (Freisetzung von CO2) durch andere Materialien und Energieformen ersetzt werden. Vorausgesetzt es gibt gesellschaftlichen Druck in diese Richtung.

Raubbau an der Natur

Der Wert von Waren bemisst sich im Kapitalismus nach der darin enthaltenen Arbeitszeit. Wasser und besonders Luft waren (oder sind) oft ohne Arbeitsaufwand zugänglich. Insofern besitzen sie keinen Wert. Rohstoffe wie Erze, Kohle, Erdöl, Mineralien etc. finden sich in der Natur, sie werden also (im engeren Sinne) nicht produziert. Arbeitskraft ist notwendig, um Lagerstätten zu finden, die Rohstoffe aus der Erde zu hohlen, sie gegebenenfalls vorzubehandeln, z.B. den Erzanteil anzureichen, und sie dann dorthin zu transportieren wo sie gebraucht werden. In der Realität kann das relativ einfach sein (z.B. bei Sand und Kies) oder sehr kompliziert, verbunden mit dem Einsatz von viel Technik und Kapital. Entsprechend dem Aufwand bei der Förderung kommt dem Rohstoff ein mehr oder weniger großer Tauschwert zu, der die Basis für die Preisfindung des Rohstoffs ist. Normalerweise fordert auch der Eigentümer des Grund und Bodens, auf dem der Rohstoff lagert, eine Vergütung für die Fördererlaubnis. Diese Vergütung, eine spezielle Art der Grundrente, geht ebenso in den Rohstoffpreis ein. Es liegt in der Natur der Sache, dass zuerst die Lagerstätten ausgebeutet werden, die einfach und kostengünstig zu erschließen sind. Nach deren Erschöpfung bzw. bei großer Nachfrage werden auch schwieriger und zu höheren Kosten abzubauenden Lagerstätten erschlossen. Für die Preisfindung eines Rohstoffs sind dabei die Kosten der jeweils ungünstigsten Fördergebiete, die noch benötigt werden, um die Nachfrage zu befriedigen, maßgeblich. Alle Anbieter, die günstiger fördern können, erzielen einen Extraprofit. Die Seltenheit eines Rohstoff spielt dabei nur insofern eine Rolle, als diese den Aufwand zu seiner Auffindung und Gewinnung beeinflusst. Eine sich eventuell abzeichnende Erschöpfung von Lagerstätten in der Zukunft, muss nicht unbedingt für die aktuellen Fördermengen und Preise relevant sein. Das ändert sich erst, wenn die Förderung effektiv eingeschränkt werden muss.

Alles was eine direkte oder indirekte Folge der Produktion ist, wofür aber keine zahlungsfähige Nachfrage existiert, ist nach kapitalistischer Logik wertlos. Das einfachste ist deshalb sich um solche Dinge nicht zu kümmern. Egal ob es sich um durch Bergbau verwüstete Landschaften, anfallende Begleitstoffe (CO2) oder einfach Abfall aller Art handelt, die einfachste und kostengünstige Lösung ist immer das Nichtstun, die simple Entsorgung in die Umwelt. Wenn dabei Regeln eingehalten werden sollen, sind diese von der Gesellschaft, dem Staat, vorzugeben und deren Einhaltung unter Strafandrohung zu kontrollieren. Dabei besteht ein ständiger Anreiz, sich solcher Regeln wieder zu entledigen (z.B. durch Verlagerung in Länder mit weniger strikten Auflagen) und die damit verbunden Kosten zu vermeiden.

Der Einsatz von Ressourcen ist mit Kosten verbunden. Auch der Kapitalismus ist ressourcenschonend, wenn damit insgesamt Kosten reduziert werden können. Ist der Einsatz (oder die Verschwendung) von Ressourcen dagegen kostengünstiger als deren Schonung (Neuproduktion billiger als das Recyclen), wird sich, gemäß der kapitalistischen Logik, das Kostenargument durchsetzen.

 

 

Befreiung vom Überfluss, Das Buch von Niko Paech

2012 erschien das Buch „Befreiung vom Überfluss“ von Niko Paech. Es entwickelte sich zu einer Art Bestseller und erlebte 2019 bereits die 11. Auflage. Es ist ein kleines Buch mit ca. 150 Seiten. Niko Paech ist Ökonom und sein Buch hat den Untertitel „Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“. Trotzdem spielen darin ökonomische Fragen im engeren Sinn kaum eine Rolle. Es ist vielmehr eine engagierte, man könnte auch sagen wütende, Streitschrift und vertritt im wesentlichen 3 Thesen:

  • „Unser ohne Wachstum nicht zu stabilisierender Wohlstand ist das Resultat einer umfassenden ökologischen Plünderung. Versuche die vielen materiellen Errungenschaften einer Abfolge von Effizienzfortschritten oder anderweitiger menschlicher Schaffenskraft zuzuschreiben, beruhen auf einer Selbsttäuschung.“ ...“Demnach leben die Menschen in modernen Konsumgesellschaften in dreifacher Weise über ihre Verhältnisse; sie eignen sich Dinge an, die in keinen Verhältnis zu ihrer eigenen Leistungsfähigkeit stehen. Sie entgrenzen ihren Bedarf erstens von den gegenwärtigen Möglichkeiten, zweitens von den eigenen körperlichen Fähigkeiten und drittens von den lokal oder regional vorhandenen Ressourcen.“

  • „Jegliche Anstrengungen, wirtschaftliches Wachstum durch technische Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln, sind bestenfalls zum Scheitern verurteilt.“

  • „Das Alternativprogramm einer Postwachstumsökonomie würde zwar auf eine drastische Reduktion der industriellen Produktion hinauslaufen, aber erstens die ökonomische Stabilität der Versorgung (Resilienz) stärken und zweitens keine Verzichtsleistung darstellen, sondern sogar die Aussicht auf mehr Glück eröffnen“ (alle Zitate auf Seiten 10 und 11).

Paech bringt viele typische ökologische Argumente, beklagt die „Plünderung der Natur“, verweist auf Rebound-Effekte, kritisiert das Konsumverhalten usw.. Mit Blick auf das heutige Konsumniveau plädiert er für Weglassen und Suffizienz (Genügsamkeit). Nach Paech „...ruht das Fundament eine Postwachstumsökonomie auf einer Theorie der Subsistenz und Suffizienz, ...“ (S 114). Weitere für ihn typische Formulierungen sind: „Weniger ist mehr“,„Wohlstandsballast abwerfen“, „Reizüberflutung vermeiden“, „Zeitsouverenität gewinnen“ sowie ein Plädoyer für die „Eigenproduktion (z.B. Nahrung, Handwerk, Erziehung)“.

Seine Vorschläge für eine Postwachstumsökonomie beinhalten vor allem weniger Neuproduktion und mehr Reparatur, die Regionalisierung der Produktion (er plädiert auch für regionale Komplementärwährungen) sowie Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf ca. 20 Stunden, um Zeit für Eigenproduktion zu gewinnen. Paech macht klar, dass seine Vorschläge auf eine erhebliche Reduzierung des gegenwärtigen Produktionsniveaus hinauslaufen würden. Aber ein Rest von industrieller Produktion soll erhalten bleiben (siehe S 131).

Sehr wichtig ist ihm die Resilienz, also die Stabilität und Widerstandsfähigkeit gegen äußere Schocks. Das wird im Buch immer wieder betont. Auch deshalb werden lokale oder regionale Produktion und kurze Lieferketten befürwortet.

Den Schlüssel für eine Veränderung der Verhältnisse sieht er bei den einzelnen Menschen, bei den Subjekten, diese sollen ihr Verhalten, ihren Lebensstil ändern (siehe S 97 ff). Eine Differenzierung der Individuen nach verschiedenen Lebenslagen findet man nicht und schon gar nicht so etwas wie die Unterscheidung von Klassen mit unterschiedlichen Interessen. Paech listet zwar auch etliche Vorschläge für eine Postwachstumspolitik auf (S 134 ff), insgesamt ist er aber gegenüber den Möglichkeiten der Politik skeptisch. Er schreibt (S 139/140) „... dürfte eine Postwachstumsökonomie jeden politischen Akteur überfordern, solange die Systemlogik zeitgenössischer Konsumdemokratien durch einen Überbietungswettbewerb in Bezug auf weitere Freiheits- und Wohlstandsversprechungen gekennzeichnet ist. Dementsprechend hat das Festhalten an der sogenannten Macht- oder Systemfrage bisher nur in eine Sackgasse geführt.“ Paech setzt auf die Individuen, erst wenn diese die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Veränderung ihres Lebensstils durch entsprechende Taten glaubwürdig zu erkennen geben, könne auch die Politik in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft folgen.

In der Argumentation von Paech ist des öfteren ein Schwanken zwischen großer Radikalität und eher kleineren Verbesserungsvorschlägen festzustellen. Ein Beispiel dazu. Er plädiert für die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern (S 120). „Objekte wie Autos, Waschmaschinen, Gemeinschaftsräume, Gärten, Winkelschleifer, Digitalkameras etc. sind auf unterschiedliche Weise einer Nutzungsintensivierung zugänglich.“ Selbstverständlich ist dagegen nichts einzuwenden, aber wie ist das mit den Autos ? Einige Seiten vorher wurde noch erklärt wie schädlich die immens gesteigerte Mobilität ist, und dass Elektroautos auch keine ökologische Lösung sind. Vermutlich erklärt sich das Schwanken aus seiner Subjektorientierung. Die radikalen Veränderungen sind das, was er eigentlich will. Die vorsichtigen, kleineren Vorschläge sind die Brücke, die er für die Individuen baut, in der Hoffnung, dass sie diese betreten mögen.

Speziell sind Paechs Ansichten zu Arbeit, Arbeitskraft, Produktivkräfte, Wissenschaft und Technik. Für ihn scheint eine Tätigkeit nur Arbeit zu sein, wenn sie körperlich anstrengend ist und/oder eine handwerkliche Geschicklichkeit erfordert. Er sieht zwar (S 45) „... der Produktionsfaktor Mensch ... plant, steuert, designt, koordiniert, kommuniziert oder gestaltet Informations- und Geldflüsse.“ Solches gilt ihm aber nur als simulierte Arbeit. Der Begriff „simulierte Arbeit“ ist eine Spezialität von Niko Paech. „Simulierte Arbeit“ oder „Simulation eigener Leistungsfähigkeit“ ist demnach insbesondere alles, was mit Einsatz von Maschinen, Geräten, Computern etc. verbunden ist. Maschinen, groß oder klein, nennt er Energiesklaven. Er sieht bei Maschinen nur die Tatsache, dass bei ihrer Herstellung Rohstoffe und Energie verbraucht werden und und zu ihrem Betrieb weitere Energie notwendig ist. Dass sie auch geronnene Arbeitskraft und Wissen, z.B. in Form von eingeflossenen Ingenieurleistungen, sind, nimmt er nicht zur Kenntnis oder hält es für irrelevant. Gegen den Begriff Wissensgesellschaft polemisiert er so (S 54): „Bis heute existiert kein Auto oder Flugzeug, das sich mit flüssigen Wissen anstelle von Benzin bzw. Kerosin auftanken lässt.“ So ganz ohne Wissen, nur durch Abfackeln von Kerosin, funktioniert der Bau oder Betrieb eines Flugzeugs aber auch nicht. Es bringt nichts wenn man einen, sicher nicht unproblematischen, Begriff wie Wissensgesellschaft, durch eine noch viel problematischere, um nicht zu sagen hanebüchene, Argumentation ersetzen will. Paechs Ausführungen zur Arbeit und zu den Produktivkräften sind ziemlich wirr und tragen nicht dazu bei, den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie zu verstehen, sowohl was die Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse betrifft, als auch in Hinsicht auf zukünftige Veränderungen.

Nach der Lektüre fragt man sich, warum ausgerechnet dieses Buch ein Erfolg geworden ist. Paech argumentiert engagiert, aber unsystematisch. Zugespitzt könnte man sagen: Alles was richtig dargestellt ist, findet man auch in anderen Büchern zum Thema. Dort wo das Buch originell ist, ist es auch besonders problematisch.

 

Literatur:

 

AK Postwachstum (Hg), Wachstum – Krise und Kritik: Die Grenzen der kapitalistisch-industriellen Lebensweise, Frankfurt 2016

Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, München 2017

Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, München 2016

Niko Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 2012

Matthias Schmelzer/Andrea Vetter, Degrowth/Postwachstum: zur Einführung, Hamburg 2019

Irmi Seidl/Angelika Zahrnt (Hg.), Postwachstumsgesellschaft: Neue Konzepte für die Zukunft, Marburg 2010